20 Jahre "Georgs Onlinetagebuch" bedeuten 20 Jahre Kraftvergeudung (Punkt DE). Meine Güte, 20 Jahre! Was soll ich dazu sagen?

Zuerst einmal und allem voran ein Dankeschön an dich, liebe Leserin und lieber Leser. Ohne dich gäbe es kein Onlinetagebuch.

Einige Leserinnen und Leser sind von Anfang an dabei, andere erst kurz, manche sind im Laufe der Zeit gekommen und wieder gegangen, weil ihnen etwas missfiel, was ich zum Besten gegeben habe, oder aus purem Desinteresse. Anders geht's aber leider nicht, denn jeder Tag auf dieser Erde, jede Stunde und jede Sekunde sind Geschenke, die man nicht damit vergeuden sollte, es anderen recht zu machen oder das eigene Dasein für fremde Leute zu leben. Ein Plädoyer für den Egoismus? In gewisser Hinsicht ist es das sogar. Denn nur ein möglichst gesunder und zufriedener, also ein überwiegend erfüllter Mensch ist überhaupt in der Lage, über bloße Befindlichkeiten hinaus zu reflektieren und zu kommunizieren. Andernfalls hieße das hier "Georgs Onlinejammerbuch". So etwas geht auch, Jammerbücher gibt es zuhauf, doch die will keiner lesen, kannste mir glauben. Aber ich schweife ab.

Was hat sich in 20 Jahren getan?

Neben den üblichen Verdächtigen, namens Entwicklungen, sind die Sorgen und Nöte, die Freuden und die glücklichen Momente im Wesentlichen gleich geblieben, allein die Etiketten, Namen und Personen wechselten. Vor 20 Jahren konnte ich noch nicht gut schreiben, das hat sich tatsächlich etwas verfeinert. Zwar beherrsche ich die Rechtschreibung nach wie vor nicht, im Vergleich zu alten Beiträgen ist sie aber deutlich besser geworden.

Das Leben selber hat sich naturgemäß in vielfältiger Weise gewandelt - also eigentlich stimmt das auch nicht, denn alles Drumherum hat sich schon verändert, doch innerlich bin ich heute derselbe Mensch, der ich auch vor 20 Jahren war. Früher galt ich als politisch links, heute gelte ich nicht selten als politisch rechts, wohlgemerkt mit den identischen grundlegenden Ansichten. Die Welt um mich herum ist einfach nur verrückt geworden.

Die Technik der Vernetzung hat sich entwickelt. Nicht aber das, was man mit ihr macht. 1999 war ein Weblog modern, heute wird es als antiquiert angesehen, Facebook ist trotzdem nichts anderes als ein Blog in einem modernen Gewand. Das Internet: vor 20 Jahren war das höchste der Gefühle, Musik online herunter zu laden, heute sind es Filme und ganze Serien in hochauflösender Qualität - das mag als etwas Unterschiedliches erscheinen, ist im Prinzip aber doch wieder dasselbe. Muss ich nicht näher erläutern, oder?

Weiterhin hätte vor 20 Jahren kein seriöses Unternehmen gewagt, dich online auszuspionieren, heute schalten die Menschen freiwillig ihre Kameras und Mikrophone dafür ein. Der Mensch sitzt auf dem Klo und scheißt live via Facebook & Co.. Man redet mit seinem Auto und mit dem Computer - mal ehrlich, mit Dingen habe ich zwar auch schon immer gesprochen (wurde ich bei solchen Selbstgesprächen erwischt, hatte ich sie nur schnell auf die Kommunikation mit dem Hund, oder vor noch längerer Zeit, mit der Katze geschoben), aber es sind mittlerweile echte Menschen, die hinter den Dingen lauern, die das Gesprochene, Gesehene und die dein Verhalten zwar automatisiert auswerten, es danach jedoch echt menschlich für ihre Zwecke benutzen.

Also je nach Sichtweise hat sich vieles verändert oder gar nichts. Der Rucksack, den man täglich mit sich trägt, wird schwerer, ja, das stimmt natürlich, doch die Gravitation wird von Jahr zu Jahr auch leichter, das Abheben vom Boden gelingt immer öfter, und manchmal reicht es sogar schon für einen kurzen Segelflug. Ganz ohne Drogen, einfach weil man um die Bedeutungslosigkeit des Seins innerlich immer mehr erfährt - es ist eine Ahnung dessen, wie winzig ein Sandkorn für den Strand, für die Erde und für das gesamte Universum ist und wie sehr man doch selber einem Sandkorn ähnelt. Achherrje, schon wieder schweife ich ab.

Ein Prosit auf die kommenden 20 Jahre? Kann ich mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen. Wer weiß, was in 20 Jahren sein wird? Falls es mich dann längst nicht mehr geben sollte, was biologisch ziemlich wahrscheinlich ist, wackle ich zum Gruß an deine Wohnzimmerlampe - ach, nein, auch das wird angesichts der rasant fortschreitenden Entwicklung in der Beleuchtungstechnik wohl nicht mehr möglich sein, nun gut, dann klopfe ich an deine Wand und du denkst, dies sei ein Poltergeist. Hey, aber keine Angst, nur ich werd's sein, und falls du das dann ebenfalls nicht wahrnehmen solltest, so entspricht mein ungehörtes Hallo zum 40-jährigen Jubiläum wiederum genau dem Titel des Onlinetagebuchs: der Kraftvergeudung.

In diesem Sinne ab und zurück in die Gegenwart.